Soziologie

Mit Spindel und Hammer

Als im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts die Städte langsam zu mächtigen Konkurrenten des Feudalsystems wurden, lag dies unter anderem an ihrer wirtschaftlichen Überlegenheit. Der Vorteil basierte einerseits auf ihrem schnellen Wachstum, angeregt durch die einsetzende Landflucht und den Handelsstrukturen, die sich national und international zwischen ihnen entwickelten, auf der anderen Seite aber auch auf der straffen Organisation innerhalb der Stadtmauern, die maßgeblich von den Handwerkszünften getragen wurde. Auf diese Zünfte und deren Tätigkeiten, die sich genau wie die Städte im Laufe der Zeit entwickelten, soll im Folgenden näher eingegangen werden. Wie sind die Zünfte entstanden und wie kann man sich eine solche Zunft vorstellen? Die Antwort darauf ist einerseits in der Spezialisierung einzelner Berufe und den damit verbundenen Tätigkeitsbereichen, andererseits in der mangelnden sozialen Absicherung der einzelnen Handwerker zu suchen. Mit dem Entstehen und Wachsen der Städte entwickelten sich aus übergeordneten Handwerken, z.B. dem Eisenschmied, einzelne spezialisierte, eisenverarbeitende Berufe um spezifischer auf Kundenwünsche eingehen zu können. Das konnten Nagel-, Huf-, Messer-, Waffen-, Fein- oder Rüstungsschmiede, aber auch Blechschläger, Schlosser, Sarwüger (Ringpanzermacher), Harnischpolierer oder Laternenmacher sein. All diese nach und nach entstandenen, spezialisierten Berufe wurden durch ihre jeweiligen Zunftverordnungen genau reglementiert. Sie regelten, wer für welche Arbeiten zuständig war, wie er diese zu erledigen hatte und was eine Person leisten musste, um in die Zunft als Geselle oder Meister seines Handwerks aufgenommen zu werden. So wurde dafür Sorge getragen, dass keiner dem anderen „ins Handwerk pfuschte“. Man sicherte die Auftragslage für jedes Handwerk und gleichzeitig die korrekte Ausführung der Arbeiten, da diese von Spezialisten vorgenommen wurden. In vielen Zünften fand vor dem Feilbieten der Waren noch eine „Beschau“, eine Qualitätskontrolle durch die Zunftmeister, statt, der mit seinem Einverständnis bezeugte, dass die Produkte nach den Regeln der Kunst hergestellt waren und somit die Ware zum Verkauf freigab. Die Zünfte wachten aber auch darüber, dass in der Gemeinschaft soziale Gerechtigkeit gewahrt und Bedürftige aus den eigenen Reihen aufgefangen wurden. So regelte man, wie viele Lehrlinge und Gesellen ein Meister haben durfte, wie viel Kleidung diese im Jahr zu bekommen hatten, welcher Lohn wem zustand. Auch wurden Zunftmitglieder, die arbeitsunfähig geworden waren, von der Gemeinschaft unterstützt und verwitweten Frauen eine neue Ehe vermittelt, was unter den damaligen gesellschaftlichen Umständen stellenweise überlebenswichtig war. Aber die Aufgaben der Zünfte gingen weit über die Regelung interner Belange hinaus. Sie stellten Spezialisten um Ausrüstung in städtischen Zeughäusern zu warten und sorgten im Verlustfall für Ersatz. Einzelnen Zünften waren Teile der Stadtbefestigungen zugeteilt, die von diesen Instand gehalten und im Ernstfall auch verteidigt werden mussten. Diese Mauerabschnitte lagen meist an den von der jeweiligen Zunft bewohnten Straßen. In diesen kleinen Stadtteilen wiederum waren die Zünfte je nach Stadtverordnung für die Instandhaltung der Brunnen, die Feuerwacht und Feuerbekämpfung, die Müllabfuhr und zum Teil sogar für den Wachdienst zuständig. So sicherten die Handwerkszünfte Bestand, Macht und Reichtum der Städte im Inneren und bei militärischen Aktionen, bei denen sie Truppenkontingente und Ausrüstung beisteuerten, bis weit über ihre Grenzen hinaus. Mit diesem Text soll nur ein kleiner Einblick in die Aufgaben und die Verantwortung handwerklichen Lebens in hoch- und spätmittelalterlichen Städten gegeben werden. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und könnte noch über viele Seiten weitergeführt werden, auch dürfen die aufgeführten Fakten nicht auf die Zustände in jeder mittelalterlichen Stadt übertragen werden, da Stadt- und Zunftverordnungen oft stark von einander abwichen.

Stand (22.04.2008)

Literaturliste

Andere Quellen