Handwerk

Textilfärben im Mittelalter

Seit wann Textilien eingefärbt werden, ist heute nicht mehr genau zu sagen. Zeugnisse gibt es aber schon aus dem alten Ägypten und der Antike. Die Färberei im Mittelalter ist durch verschiedene Schriftquellen recht gut dokumentiert. Die älteste deutschsprachige Rezeptsammlung zur Herstellung von Farben ist das Innsbrucker Färbebüchlein von ca. 1330 (Handschrift 355 (In)). Hier wird - wie damals üblich - ohne die Angabe von Mengen ein Überblick über die in dem österreichischen Kloster verwendeten Farben gegeben. Ähnliches kann dem Nürnberger Kunstbuch (Nürnberger Stadtbibliothek Ms. cent. VI, 89) und dem Oberdeutschen Färbebüchlein (Bayrische Staatsbibliothek, München Cgm. 317), beide aus dem 15. Jahrhundert, entnommen werden. Viele der in den Handschriften genannten Färbedrogen waren Importware bzw. nicht immer im eigenen Garten anzubauen. Über die Verwendung heimischer Färbepflanzen können heute oft nur Mutmaßungen angestellt werden. Die mittelalterlichen Textilien, die zu Analysezwecken herangezogen werden können, sind meist mit sehr teuren (importierten) Färbemitteln gefärbt worden. Sie stammen hauptsächlich aus klerikalen oder adligen Beständen und konnten sich in Schatzkammern und Grabstätten bis heute erhalten. Mit den Farbstoffen, die aus Pflanzen und zum Teil aus Tieren (z.B. Kermesläusen oder Purpurschnecken) gewonnen wurden, konnten folgende Farben erzielt werden: Rot: Krapp, Saflor, Brasil- oder Rotholz und Kermes Gelb: Wau, Saflor und Safran Blau: Waid und seit dem 15. Jahrhundert zunehmend Indigo Braun und Schwarz konnten mit Walnussschalen, Eichenrinde, Eisengallat und Galläpfeln gefärbt werden. Beide konnten, ebenso wie Violett und Grün auch durch die Mischung mehrerer Farben erreicht werden. In den meisten Fällen ist das Vorgehen bei der Färbung mit Naturstoffen immer gleich. Als Ausnahme sind Küpenfärbungen zu nennen, wie sie beim Färben indigohaltiger Farbstoffe angewandt werden oder auch Direktfärbungen und Kaltauszüge mit stark gerbstoffhaltigen Färbemitteln (z.B. grüne Walnussschalen), die keine Beizmittel benötigen. Hiermit wird auch schon der erste Schritt beim Färben mit Naturfarbstoffen angesprochen: die Beize. Im Allgemeinen muss eine Faser, um das Eindringen des Farbstoffes ermöglichen zu können, „aufgeschlossen“ werden. Dies geschieht durch das Beizen, bei tierischen Fasern (Wolle, Seide) kann z.B. mit Alaun, bei pflanzlichen Fasern (Leinen) mit Tanin gebeizt werden. Beizen bedeutet, dass man das Beizmittel in heißem Wasser löst und darin den Stoff über einen gewissen Zeitraum erhitzt. Ist der Stoff gebeizt, kann mit der Vorbereitung der Färbeflotte fortgefahren werden. Dazu müssen die Farbstoffe aus der Färbedroge gelöst werden. Auch dies geschieht durch das Kochen oder Erhitzen in Wasser (bei einigen Farbstoffen kann zu große Hitze eine Veränderung der Farbe bewirken). Ist der Farbstoff aus dem Färbemittel gelöst, wird das gebeizte Material in die Färbeflotte gegeben. Wichtig ist hierbei, dass es ausreichend Platz hat, um sich zu bewegen, denn nur, wenn die Farbstoffe das ganze Material durchdringen, ist ein gleichmäßiger Farbaufzug möglich. Um dem nachzuhelfen wird der Stoff in der Flotte behutsam gewendet. Auch hier ist wieder Vorsicht geboten: Bewegt man ihn zu stark im heißen Wasser, kann er einlaufen. Außerdem können durch zu große Hitze wiederum Farbunterschiede auftreten. Je nach gewünschter Farbintensität verbleibt der Stoff in der Färbeflotte. In den meisten Fällen reichen etwa ein bis zwei Stunden aus um einen kräftigen Farbton zu erhalten. Der gefärbte Stoff wird dann aus der Färbeflotte genommen, vorsichtig ausgedrückt, ausgespült und zum Trockenen aufgehängt. Das Spülen ist notwendig, um die Reste der Färbedroge aus dem Gewebe zu entfernen. Neben den Kenntnissen über Beizen, Farbstoffe und Entwicklungsmittel (um durch die Zugabe verschiedener Chemikalien andere Farbtöne oder sogar andere Farben zu erhalten) musste auch die Temperatur der Färbeflotte eingeschätzt werden können (das Thermometer wurde erst 1592 von Galileo Galilei erfunden). Aufgrund dieser Fachkenntnisse ist es nicht verwunderlich, dass die Färber, wie viele andere Berufsgruppen, in Zünften organisiert waren. Während im früheren Mittelalter die tuchverarbeitenden Berufsgruppen oft noch zusammen in eine Zunft gefasst wurden, entwickelten sich mit der Zeit eigene Färberzünfte. Trotz der großen Gruppe der Textilhandwerker kann man schon verschiedene Spezialisierungen unter den Färbern unterscheiden. In den Quellen werden die Schwarz- oder auch Schlechtfärber, die neben Schwarz auch Braun- und Grautöne färbten, die Schönfärber, die für die verschiedenen bunten Textilfarben zuständig waren, sowie die Blau- und Rotfärber unterschieden. Ebenfalls auf die umfangreichen Fachkenntnisse zurückzuführen, die der Beruf des Färbers verlangt, waren Lehrzeiten von bis zu sechs Jahren. Nach einer solch langen Zeit musste der Färber in der Lage sein, auch bei einer großen Zahl zu färbender Tuche immer exakt den gleichen Farbton zu treffen sowie lichtechte und feuchtigkeitsbeständige Farben zu erzielen. Wahrscheinlich wegen der hohen Preise für die Herstellung sowie die teuren Farbstoffe, scheinen im Spätmittelalter brillante Rottöne und vor allem dunkle und satte Farben besonders beliebt gewesen zu sein.

Stand (22.04.2008)

Literaturliste

Handbuch der Naturfarbstoffe (H. Schweppe)
Nikol
Ein Buch von alten Farben (Ploss, E. E)
Impuls

Andere Quellen